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Kriterien des Bildvergleichs -- Beispiele


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27.09.01webmaster



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Zulässigkeit

in Teilen unzulässige Abbildung eines chinesischen Zeichners

In der Stichprobe war keine Abwandlung nach dem Kriterium der Zulässigkeit zu verzeichnen. Um das Kriterium zu verdeutlichen, sei hier trotzdem ein Beispiel für eine Abbildung vorgestellt, die unzulässige Bildelemente enthält:

Links sehen Sie eine Pflanzenzeichnung aus dem 18. Jahrhundert, erstellt von einem unbekannten chinesischen Zeichner (entnommen Saunders:1995). Betrachtet man die Darstellung genauer, sind einige ihrer Bildelemente verwirrend. Konventionell werden in Pflanzenzeichnungen Blattunter- und Blattoberseiten durch verschiedene Färbung voneinander differenziert: Die Oberseiten werden dunkel koloriert, die Unterseiten hell. Bei einigen Blättern der hier vorliegenden Zeichnung wurde diese Konvention erwartungsgemäss erfüllt (vgl. bei 1 das nach hinten eingerollte Blatt); an anderer Stelle dagegen (z.B. bei 2) wurde genau umgekehrt die Blattoberseite hell koloriert und die Blattunterseite dunkel. Eine solche Verwendung zweier widersprüchlicher Konventionen oder Regeln in ein und derselben Abbildung ist unzulässig, da die betreffenden Bildelemente nicht mehr eindeutig zu interpretieren sind und inhaltliche Missverständnisse provozieren.

Eine späterer Zeichner, der diese Abbildung als Quelle für seine eigene Darstellung der Art nützlich befand, hätte diesen Schwachpunkt möglicherweise in seiner Version eliminiert und damit das betreffende Element nach dem Kriterium der Zulässigkeit modifiziert.

Richtigkeit

Korrektur:

Links sehen wir einen Ausschnitt aus der Abbildung des Weinstocks von John Sibthorp, rechts den entsprechenden Ausschnitt bei Friedrich Gottlob Hayne (Kopierbeziehung). Hayne kopierte fast alle Wickelungen und Windungen der Weinranken bei Sibthorp minutiös -- allein an der hier vergrössert abgebildeten Stelle verzichtet er auf ein Detail.

Eine der Ranken bei Sibthorp gabelt sich nicht nur einmal, wie es viele Abbildungen der Stichprobe zeigen, sondern zweimal (markiert jeweils durch *). Diese doppelte Gabelung fehlt bei Hayne: Wie alle anderen teilt sich auch diese Ranke auf seiner Abbildung nur ein einziges Mal (vgl. auch hier die Markierung *). Da Hayne die frühere Abbildung von Sibthorp in nahezu allen anderen Details übernimmt, ist davon auszugehen, dass er bewusst auf dieses Merkmal verzichtete. Sibthorp zeigte hier anscheinend ein Detail, dass Hayne für falsch oder zumindest für so zweifelhaft befand, dass er es in seiner Version des Weinstocks korrigierte.

Ausschnitt aus der Abbildung des Huflattichs von E. Blackwell

Fehlergenerierung:

Nicht immer verlief die Korrektur einer Vorlage zum Besten der Kopie. In seiner Version des Huflattichs "korrigierte" Trew die Darstellung von Elizabeth Blackwell hinsichtlich der unterirdischen Organe: An die Stelle der (korrekten) Kriechachse Blackwells (Abb. links) setzte er in seiner Figur eine (falsche) Pfahlwurzel (Abb. rechts). Zielsetzung der Modifikation war wohl auch hier die Verbesserung des Bildes nach dem Kriterium der Richtigkeit. Beide Bilder thematisieren explizit und detailreich die unterirdischen Organe des Huflattich; Trew befand dieses Merkmal offensichtlich bei Blackwell falsch oder inadäquat dargestellt, so dass er es in seiner Version veränderte. (zur Kopierbeziehung)

Ausschnitt aus der Abbildung des Huflattich von C.J. Trew

Zweckmässigkeit

Ausschnitt aus der Abbildung des Granatapfels von J. Gaertner

Informationsgehalt -- Ergänzung neuer Information:

Die Abbildungen des Granatapfels von J. Gaertner (links) und F.G. Hayne (rechts) bieten ein Beispiel für eine Modifikation im Sinne einer Informationsergänzung (Kopierbeziehung). Hayne zeigt in seiner Version einige Merkmale, die Gaertners Bild noch nicht enthielt, etwa die genaue Form der Samen oder die Abgrenzung der Fruchtschale vom innen liegenden Fruchtfleisch. Dieser Typ Modifikation ist besonders deswegen interessant, weil er belegt, dass der spätere Kopist neben der einen Vorgängerabbildung mindestens eine weitere Quelle konsultiert haben muss: Eigene Beobachtung, textliche Darstellung, eine weitere Abbildung o.ä.

Ausschnitt aus der Abbildung des Granatapfels von F.G. Hayne
Ausschnitt aus der Abbildung des Huflattichs von J. Sturm

Zeichenökonomie -- Auslassung von Irrelevanzen / Redundanzen:

Eine häufige Modifikation im Sinne der Zeichenökonomie (d.h. einer möglichst einfach gestalteten Abbildung) ist das Auslassen redundanter oder für die Intention der Abbildung irrelevanter Elemente. Sandberger verzichtete zum Beispiel in seiner Version des Huflattichs (rechts) auf die wiederholte Darstellung der Blütensprosse, die wir in der Vorlage von Sturm (links) sehen (Kopierbeziehung). Sandberger zeigt die Köpfchen des Huflattichs wie Sturm sowohl in voller Blüte, als auch im Knospenstadium; er zeigt aber jedes Stadium nur einmal. Die Wiederholung gleicher Strukturen ohne Informationsgewinn ist unter der Zielvorgabe einer möglichst einfachen Bildgestaltung, die nicht mehr Bildelemente enthält als erforderlich, überflüssig

Ausschnitt aus der Abbildung des Huflattichs von J.P. Sandberger
Ausschnitt aus der Abbildung des Ruchgras von J. Sturm Zeichenökonomie -- Verdichtung von Information:

Häufig geht mit der Auslassung von Irrelevanzen und/oder Redundanzen eine Verdichtung der Bildinformation einher. Für seine Abbildung des Ruchgras griff Sandberger ebenfalls auf die Vorlage von Sturm zurück (Kopierbeziehung). Die zwei Ansichten des Blütenstands im ursprünglichen Motiv werden bei Sandberger zu einer Figur vereint. Dieselbe Information wird hier in höherer Merkmalsdichte präsentiert.

Ausschnitt aus der Abbildung des Ruchgras von J.P. Sandberger
Abbildung des Ruchgras von J.D.C. Schreber

Kognitiver Aufwand -- Schematisierung

Schkuhr kopiert für seine Abbildung des Ruchgras viele Züge aus der älteren Darstellung Schrebers (Kopierbeziehung). Trotzdem ist die Ähnlichkeit der Abbildungen nicht auf den ersten Blick ersichtlich: Schkuhr verändert den Charakter der Zeichnung von einer sehr naturalistisch anmutenden Abbildung zu einer deutlich schematisierten und vereinfachten Darstellung. Die Schematisierung der Motive ist eine typische Modifikation zur Verringerung des kognitiven Aufwands: Beschränkt sich ein Zeichner auf die für ihn notwendigen und relevanten Informationen und präsentiert diese in klaren, unmissverständlichen Umrissen, erleichtert dies dem Publikum das Verständnis der Abbildung.

Ausschnitt aus der Abbildung des Ruchgras von C. Schkuhr
Ausschnitt aus der Abbildung des Ruchgras von J.D.C. Schreber Kognitiver Aufwand -- funktionaler Einsatz von Farbe:

Der funktionale Einsatz von Farbe kann als weitere Strategie zur Verringerung des kognitiven Aufwands eingesetzt werden -- hier erneut gezeigt am Beispiel der Kopierbeziehung Schkuhr - Schreber. Schkuhr zeigt dieselben Detailfiguren wie Schreber; dadurch dass er aber für verschiedene Strukturen unterschiedliche Farben verwendet, wird das Erfassen der Abbildung erleichtert, z.B. in diesem Fall das Wiedererkennen der einzeln gezeigten Hüllspelzen in der Gesamtansicht des Ährchens.

Ausschnitt aus der Abbildung des Ruchgras von C. Schkuhr
Ausschnitt aus der Abbildung des Ruchgras von J.D.C. Schreber Kognitiver Aufwand -- Einfügen (vermeintlich) redundanter Bildelemente:

Eine Bild, in dem alle für den Bildinhalt nicht relevanten Elemente fehlen, ist nicht unbedingt auch am leichtesten verständlich. Schkuhr fügte in seiner Darstellung des Ruchgras Sternchen (*) ein, die anzeigen, dass der Blütenhalm als Fortsetzung eines der Halme am Horst zu verstehen ist. Den Informationsgehalt der Abbildung fördert diese Ergänzung gegenüber der Vorlage von Schreber (links) nur unwesentlich; das Detail verhilft aber zu einer schnelleren Erfassung des Zusammenhangs der beiden Teilfiguren. (Kopierbeziehung)

Ausschnitt aus der Abbildung des Ruchgras von C. Schkuhr
Ausschnitt aus der Abbildung des Moosglöckchens von C.J. Trew Kognitiver Aufwand -- Anordnung der Bildelemente:

Sturm kopierte die Detailfiguren für seine Darstellung des Moosglöckchens (rechts) aus der älteren Abbildung von Trew (links) (Kopierbeziehung). Den Komplex aus Kelchblättchen, unterständigem Fruchtknoten, Griffel und Narbe übernimmt Sturm im Motiv, zeigt ihn gegenüber der Vorlage von Trew um 180° gedreht. Den Informationsgehalt der Figur erhöht diese Neuorientierung nicht, sie erleichtert aber das Verständnis dieses nicht leicht zu durchschauenden Motivs: Bei Sturm sehen wir den Komplex nun so, wie er in der nebenstehenden Blüte naturgemäss angeordnet ist. Trews Darstellung dagegen erfordert einen Denkschritt mehr zur Erfassung der Bedeutung.

Ausschnitt aus der Abbildung des Moosglöckchens von J. Sturm
Ausschnitt aus der Abbildung des Moosglöckchens von G.G. Wahlenberg Kognitiver Aufwand -- Verteilung von Information auf mehrere Bilder/Bildteile:

Auch die zu hohe Verdichtung der Bildinformation kann das Verständnis einer Abbildung erschweren. In Haynes Version des Moosglöckchens (rechts) übernahm er einige Motive von Wahlenberg (links), wie zum Beispiel die quer geschnittene Fruchtkapsel (Kopierbeziehung). Wahlenberg hatte diese mitsamt dem in der Kapsel befindlichen Samen gezeichnet -- Hayne dagegen stellt die Querschnitte von Kapsel und Samen nebeneinander. Er benötigt nun für dieselbe Information mehr Bildfläche, da er ein Motiv auf zwei Figuren verteilt, gewinnt aber eine gegenüber der Vorlage deutlich leichter verständliche Präsentation.

Ausschnitt aus der Abbildung des Moosglöckchens von F.G. Hayne
Ausschnitt aus der Abbildung des Huflattich von C.J. Trew Kognitiver Aufwand -- Betonung besonders relevanter Elemente:

Der kognitive Aufwand zum Erfassen einer Abbildung kann auch dadurch vermindert werden, dass die wesentlichen Elemente stärker ins Blickzentrum rücken. Zorns Darstellung des Huflattichs (rechts) zeigt im Prinzip dasselbe Motiv wie Trew (links) (Kopierbeziehung). Verglichen mit der Vorlage sind die Blütenköpfchen bei ihm jedoch relativ zur Sprosslänge grösser gezeichnet als bei Trew. Die vermittelte Information ist bei Zorn nur unwesentlich höher; dadurch dass die systematisch wesentlichen Blüten jedoch in der Abbildung mehr Gewicht erhalten, wird der Blick zwanglos auf diese besonders relevanten Details gelenkt, die bei Trew eher nebensächlich wirken.

Ausschnitt aus der Abbildung des Huflattich von J. Zorn